„Heimlich, still und leise ...“

Liebe Gemeindeglieder

„Heimlich, still und leise“ - unter diesem Motto schienen die letzten Monate zu stehen für uns alle, aber ganz besonders für mich und meine Familie. 
Es war eine Zeit des leisen Abschiednehmens.

In der Karwoche habe ich von meinem Vater Walter Abschied nehmen müssen, der relativ schnell und ziemlich überraschend im Alter von 80 Jahren verstarb. Die Erdbestattung in Münchberg fand - wegen der Corona-Krise - im engsten Familienkreis statt. Für einen Mann, der in Münchberg politisch und sozial sehr aktiv war, ein überraschend stiller Abschied - Corona-geschuldet. Dieser Virus macht v.a. das Abschiednehmen schwierig. Heimlich, still und leise.

Nach 14 Jahren ist im Mai meine Dienstzeit in der Kirchengemeinde zu Ende gegangen - auch heimlich, still und leise. Mittlerweile bereite ich mich auf meine neuen Aufgaben in Pegnitz vor. Die für den 10. Mai geplante Verabschiedung konnte wegen der Einschränkungen des öffentlichen Lebens leider nicht stattfinden. In einem Gottesdienst mit geladenem Publikum (Kirchenvorstand, Mitarbeiter der Kirchengemeinde, Pfarrkapitel und Dekanatsausschuss - mehr Gottesdienstbesucher sind zahlenmäßig nicht zugelassen) fand am 24. Mai meine Entpflichtung durch Dekan Dr. Pröbstl statt. 
Es tut schon weh, sich nicht persönlich verabschieden zu können, zumal meine Familie und ich uns den Menschen hier sehr zugetan fühlen.
Aber ich hoffe, dass wir im Herbst (voraussichtlich Oktober) die Gelegenheit bekommen, uns in angemessener Weise voneinander zu verabschieden - dann hoffentlich nicht heimlich, still und leise.

„Heimlich, still und leise“ muss aber nicht unbedingt schlecht sein - ganz im Gegenteil. Eine meiner Lieblingsgeschichten in der Bibel ist die, als Elia sich aus Furcht vor der Königin Isebel, die ihn verfolgte, in eine Höhle auf dem Berg Horeb zurückzog (1. Könige 19). Gott gab ihm den Auftrag, sich vor die Höhle hinzustellen, und ER, Gott, wolle vor Elia vorübergehen. 
„Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem Herrn her; der Herr aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der Herr war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der Herr war nicht im Feuer.
Und nach dem Feuer kam ein stilles sanftes Säusen/Säuseln.“
Elia trat vor den Eingang der Höhle und verhüllte sein Gesicht ......

Liebe Gemeinde, Gott kommt in der Regel nicht laut und spektakulär, sondern heimlich, still und leise. Gerade in der Adventszeit erinnern wir uns jedes Jahr wieder neu daran. Gott krempelt die Welt nicht einfach um, sondern wirkt unauffällig, im Stillen, aber stetig und unaufhörlich. In der Stille kann man Gott am besten begegnen. Und wie leicht übersieht und überhört man in aller Hektik und Betriebsamkeit, dass Gott am Wirken ist - heimlich, still und leise.

Liebe Gemeinde: 14 Jahre war ich nun Pfarrer in Kirchenlamitz - sicher nicht immer heimlich, still und leise. Und es war für mich und meine Familie eine überaus glückliche und gesegnete Zeit. 

Sieben Jahre zusammen mit Pfarrer Michael Boronowsky (auf der 2. Pfarrstelle), mit dem ich ausnehmend gut und gern zusammengearbeitet habe - ein toller Kollege und Freund;
dann nach seinem Weggang insgesamt zwei Jahre mit Pfarrer Andreas Hamburg als Vertretung, 
und nun mit Pfarrerin Tina-Meiler-Binder, einer wunderbaren Kollegin, mit der ich mich gut ergänzt habe.
Und natürlich möchte ich meinen „alten“ katholischen Kollegen Pfarrer Hans Schinhammer nicht vergessen, mit dem ich viele ökumenische Projekte durchführen konnte und den ich als guten Freund betrachte.
Es wäre zu viel, die Namen der vielen wunderbaren Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich in über 21 Jahren im Dekanat Selb zusammenarbeiten durfte, aufzuzählen. Stellvertretend für sie alle möchte ich Ralf Haska (Marktleuthen) und Dekan Dr. Pröbstl (Selb) ein herzliches Dankeschön ausdrücken. 

Viele erinnernswerte Gottesdienste und Feste konnten wir in Kirchenlamitz miteinander feiern, haben miteinander gelacht und auch - falls nötig - geweint. In meiner Dienstzeit in Kirchenlamitz habe ich über 1000 Gottesdienste, über 400 Trauerfeiern gehalten und fast 3.000 Geburtstagsbesuche gemacht. Und gerade die Besuche und Gottesdienste im Seniorenheim haben mir viel gegeben; sie waren ein ganz wertvoller Teil meines Dienstes.

Ich bedanke mich für viele schöne Stunden und für die vielfältige Unterstützung und Wertschätzung, die ich in Kirchenlamitz erleben durfte, durch Kirchenvorstand, haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende in der Kirchengemeinde, Bürgermeister und Stadtrat und letztlich Sie alle, liebe Gemeindeglieder. 

Die Zeit in Kirchenlamitz und viele schöne Erinnerungen nehmen meine Famlie und ich in unseren Gedanken und Herzen mit nach Pegnitz. 
Ein Foto meiner Familie zeigt neben meiner Tochter Magdalena auch Sohn Konstantin (19 Jahre), meine Frau Jutta und mich. Wir halten ein Bild, ein Gemälde von Kirchenlamitz mit Michaeliskirche in den Händen, das wir geschenkt bekommen haben und symbolisch als Erinnerung mit nehmen.

Viele Freundschaften sind entstanden, die sicher weiterbestehen werden. 
Für mich selbst habe ich in den letzten Tagen eine Liste aufgestellt, was mir in Zukunft alles fehlen wird und was ich vermissen werde - und die ist ziemlich lang geworden.

Warum ich dann trotzdem von Kirchenlamitz weggehe, wenn ich mich doch so wohl hier gefühlt habe, werde ich manchmal gefragt. Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Ich bin davon überzeugt, dass es nicht gut ist, wenn ein Pfarrer zu lange an einer Stelle bleibt - weder für die Gemeinde noch für ihn selbst. Denn man gerät in Gefahr, eingefahren zu werden. Neue Herausforderungen dagegen halten einen Menschen flexibel und kreativ. Auch kann kein Pfarrer alles. Immer gibt es Menschen, die er mit seiner Art und seinen Gaben und Fähigkeiten anspricht, während er zu anderen keinen Draht hat oder bekommt. Einem anderen Pfarrer, einer anderen Pfarrerin gelingt es oft, ganz andere Gruppen in jeder Gemeinde zu erreichen und anzusprechen und andere Schwerpunkte in der Gemeindearbeit zu setzen. Und das ist gut und wichtig so.

Als Pfarrer steht man immer in einer Reihe - von Vorgängern und Nachfolgerinnen, profitiert von dem, was andere aufgebaut haben und darf es fortführen; man erntet, was andere gesät haben. Das ist Kennzeichen und Merkmal der Arbeit eines Pfarrers / einer Pfarrerin; und das betrachte ich als Geschenk und als Segen. 
In Kirchenlamitz hatte ich mit Pfarrer Gerhard Weinreich und Hans Jany (um nur zwei von vielen zu nennen) gute Vorgänger und bin dankbar für die Arbeit, die sie - natürlich immer zusammen mit vielen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden - geleistet haben. 
Und so muss man als Pfarrer auch loslassen und sich auf etwas Neues einlassen können, sich immer wieder neu von Gott beschenken lassen. Manchmal kann es auch eine Erleichterung sein, eine Verantwortung, die man Jahre lang - wenn auch gerne - getragen hat, wieder abzulegen und abzugeben. 
Als Kirche müssen wir auch immer wieder neu lernen, dass Festhalten und Besitzstandwahrung keine geistliche Lebenshaltung ist.
Dabei erinnere ich mich an ein Bild zur diesjährigen Jahreslosung, das eine junge Frau zeigt, die eine Hängebrücke überquert.

Zu unserem christlichen Glauben gehört es eben auch, wenigstens hin und wieder aus unserer Komfortzone herauszukommen und ein Wagnis einzugehen, eine neue Herausforderung auf sich zu nehmen - und zwar mit der Hoffnung auf Gottes Segen.

mit einem großen Dankeschön und vielen Grüßen und Segenswünschen 
Ihr Markus Rausch